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Ulrich Fey
Clowns für Menschen mit Demenz
Das Potenzial einer komischen Kunst
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Alles auf Anfang

„Huch!“ Magda Borgfried hat sich erschreckt. Plötzlich steht ein Clown am Fußende ihres Bettes. Damit hat sie nicht gerechnet. Zwar klopfte der Clown hörbar an der Tür, aber das machen viele. „Das tut mir leid“, sagt der Clown, „ich wollte sie nicht erschrecken.“ Und fügt hinzu: „Wissen Sie was? Ich komme einfach nochmal, dann wissen Sie ja schon Bescheid.“ Es bleibt unklar, ob Magda Borgfried genau verstand, was das Ziel ist, doch wirkt sie nicht abgeneigt. Der Clown geht raus und ruft: „Achtung: Ich klopfe jetzt an die Türe.“ Und tut das auch. „Achtung: Ich komme jetzt rein.“ Und kommt ins Zimmer. Doch Magda Borgfried wirkt immer noch verstört. „Wir machen’s nochmal.“ Der Clown wiederholt exakt den Ablauf. „Und?“, fragt er, als er am Bett steht. Nun scheint sie entspannt. Später, beim Singen alter Lieder strahlt Magda Borgfried sogar.

 

Das bekommt auch nicht jede

Nicht nur der Wechsel ins Altenheim belastet Dagmar Thalmann. Vor drei Wochen musste sie ihre Wohnung verlassen und war in das Zimmer des Heimes gezogen. Ein Bandscheibenvorfall gab den Ausschlag, machte die eigenständige Versorgung unmöglich. Frau Thalmann, etwas über siebzig Jahre alt, muss im Rollstuhl sitzen, leidet an Parkinson. Den Clown sieht sie heute das erste Mal. Irgendwie landen sie im Gespräch bei ihren Enkeln. Fünf hat sie, doch keines sieht sie. Schwierige Familienverhältnisse des Sohnes. Da sind ihre Tränen verständlich. „Ja, das tut weh“, sagt auch der Clown und hält Frau Thalmann einfach im Arm. Nach einer kleinen Weile enden die Tränen. Und der Clown sagt in die Stille: „Dafür besucht sie nun ab und zu ein Clown – das bekommt auch nicht jede.“ Frau Thalmann schaut ihn an und lächelt.

 

Gang des Lebens

Wenn man auf etwa zwei Quadratmetern wohnt und lebt, reduzieren sich die Gesprächsthemen zwangsläufig. Bei alten Menschen, bei bettlägerigen zumal, gewinnen Essen und Verdauung eine größere Bedeutung. Anneliese Birkok macht da keine Ausnahme. Doch ist die 92 Jahre alte Frau noch umfassend orientiert und hat sich den Berliner Witz bewahrt. Mit dem Clown verbindet sie ein enges, fast privates Verhältnis. Heute erscheint der Clown ungewohnt früh. Erstaunt schaut sie ihn an. „Ich hatte auf meinen Stuhlgang gewartet und nun kommst Du.“ Kurze Pause. „Aber Du bist mir lieber“, und lacht.

 

Äußerlichkeiten

Frau Franz und der Clown haben eine enge Verbindung, auch wenn sie sich oft nur kurz im Speiseraum sehen. Das liegt an der freundlich-witzigen Art der 82 Jahre alten Frau, aber auch daran, dass Herr Franz und der Mensch hinter dem Clown früher einmal auf dieselbe Schule gegangen sind. Frau Franz‘ zeitweilig große Verwirrtheit beeinträchtigt das Verhältnis in keiner Weise. Heute kommt der Clown mit einem gewissen Stolz zu ihr: Er trägt eine brandneue Fliege. Nach der freundlich-liebevollen Begrüßung fragt er: „Fällt ihnen eigentlich etwas auf an mir?“ Frau Franz schaut, zögert und sagt: „So leidlich rasiert.“

 

Späte Freuden

Die 83 Jahre sieht man Anneliese Prehm nicht an. Frisch und aufrecht  tritt die „äschte“ Frankfurterin aus ihrem Zimmer – lediglich dass sie  nur auf Socken unterwegs ist, gibt einen dezenten Hinweis auf ihre  demenzielle Einschränkung. Den Clown mag sie sehr, freut sich jedes Mal  über dessen rote Nase und großen Schuhe. Auch in Abständen von wenigen  Minuten, wenn der Clown sich einmal abgewendet hatte. Heute begleitet er  Frau Prehm nach unten in den Speisesaal und führt sie in den Aufzug.  Ihre Orientierung hat auch nachgelassen. Doch als der Clown vor ihr den  Aufzug betritt, um das E für Erdgeschoss zu drücken, haut sie ihn  kraftvoll auf den Popo und sagt: „Na, knackische Poppes.“ Und lächelt  vergnügt.

 

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